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Ist Resilienz angeboren?

Resilienter Mann mit Kind

Inhalt

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Lange Zeit hieß es, Resilienz sei eine angeborene Eigenschaft, die jemand entweder besitzt oder nicht besitzt. Doch dann zeigten Studien, dass die Resilienz von Personen im Laufe des Lebens deutlich schwanken kann. Resilienz ist deshalb eher als eine dynamische bzw. graduelle Eigenschaft zu verstehen und zu unterscheiden von zeitlich stabilen Persönlichkeitsmerkmalen wie bspw. Extraversion, Gewissenhaftigkeit oder Verträglichkeit. In diesem Kontext fragen sich Forscher/innen nun weiter, wie es mit der Angeborenheit von Resilienz steht. Ist die Aussage, Resilienz sei angeboren, auch zu revidieren? In diesem Artikel wird dieser Frage näher auf den Grund gegangen.

Was ist Resilienz?

Der Begriff “Resilienz” wurde erstmalig in der Baukunde verwendet, in welcher er die Biegsamkeit von Stoffen beschreibt: Ein Stoff wurde dann als resilient bezeichnet, wenn er nach Biegung, Dellung, Spannung etc. wieder in seinen Ausgangszustand zurückkehrt. Als Beispiel sei hier ein Gummi genannt.

Diese Definition von Resilienz in der Baukunde spiegelt den Ursprung des begrifflich anschaulich wieder: “resilire” ist lateinisch und bedeutet “zurückspringen” oder “abprallen”.

Später wurde der Begriff “Resilienz” von der Sozialpsychologie aufgenommen. Dort wird er verwendet, um Menschen zu beschreiben, die sich aktiv schwierigen und traumatisierenden Situationen stellen und diese auch erfolgreich meistern.

Mann mit gestärkter Resilienz

Nun wird der Begriff “Resilienz” heute recht inflationär verwendet, wobei in vielen Magazinen und Ratgebern der Eindruck entsteht, Resilienz sei eine immunisierende Eigenschaft gegenüber jeglicher Form von Stress.

Der Optimismus, der hier mitschwingt, ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn Resilienz ist, nach heutigem Forschungsstand, keine universelle “Unverletzlichkeit” gegenüber allen Stressoren. Wer beispielsweise nach einer plötzlichen Kündigung tapfer weitermacht und neue Strategien entwickelt, muss deswegen nicht auch gut mit schwerer Krankheit oder körperlicher Gewalt fertig werden. Resilienz ist deswegen eher zu verstehen als eine graduelle bzw. dynamische und zeitlich begrenzte Widerstandsfähigkeit oder Bewältigungskapazität.

Die Rolle des Umfelds

Den “Startschuss” zur Resilienzforschung gab unter anderem die Forscherin Emmy Werner mit ihrer 1955 begonnenen Längsschnittuntersuchung auf der Insel Kauai in Hawaii. Ihre Untersuchung diente der Erforschung der protektiven Faktoren, das heißt derjenigen Faktoren, die eine psychische Erkrankung nach belastenden Situationen verhindern.

Regenschirme als Symbol für Stressabwehr

Werner begleitete und untersuchte hierzu 689 Personen über einen Zeitraum von 40 Jahren. Dabei interessierte sie sich vor allem für diejenigen Personen, die sich trotz widriger sozialer Bedingungen im Kindesalter zu leistungsfähigen, fürsorglichen und zuversichtlichen Erwachsenen entwickelten. Nach der damals herrschenden Auffassung war dies nämlich eine “Sache der Unmöglichkeit”. Es hieß: “Menschen mit schlechten sozialen Ausgangsbedingungen werden im Leben scheitern.”

Nicht nur deckte Werner diese Auffassung als fälschlich auf, auch konnte sie aus ihrer Studie schlussfolgern, dass Resilienz nicht angeboren, sondern erlernbar ist. Ein Faktor, der beim Erlernen von Resilienz eine bedeutende Rolle spielt, ist dabei der der Bindung. So bauten die untersuchten Kinder in Werners Studie eine starke Beziehung zu mindestens einer Person, meist außerhalb der Familie, auf. Mit der Ansicht, dass soziale Bindung relevanten Schutz bietet vor psychischen Erkrankungen, stimmen heute viele Wissenschaftler:innen überein.

Bindung stärkt Resilienz

Die Rolle der Genetik

Mittlerweile ist also klar, dass Resilienz nicht angeboren ist. Es gibt kein “Resilienz-Gen”, das man entweder hat oder nicht hat. Stattdessen wird Resilienz im Laufe des Lebens, besonders aber in der Kindheit, erworben. Doch das soll nicht bedeuten, dass die genetische Ausstattung eines Menschen gar keinen Einfluss auf die Entwicklung von Resilienz nimmt. Im Gegenteil: Forscher:innen wissen heute, dass die Biologie bzw. Genetik eines Menschen Resilienz begünstigen oder eben benachteiligen kann. Hierzu einige Konkretisierungen:

Untersuchungen zur Genetik von Resilienz

  • Eine gut funktionierende HPA-Achse: Wie resilient ein Mensch ist, zeigt sich unter anderem in seiner (körperlichen) Antwort auf Stress. Die Hypothalamus – Hypophysen – Nebennierenrinden – Achse, kurz HPA – Achse, spielt bei der Stressantwort eine zentrale Rolle. Stärker resiliente Menschen haben eine gut funktionierende HPA-Achse. Bei ihnen wird Cortisol, das wichtigste Stresshormon, schnell aktiviert und anschließend wirksam wieder deaktiviert. Im Gegensatz dazu kann es bei einer gestört funktionierenden HPA-Achse zu einer übermäßigen, unkontrollierten und anhaltenden Cortisolausschüttung kommen und schließlich zu gesundheitlichen Problemen führen. Menschen, die sich damit belastet zeigen, sind meist weniger resilient.

  • Genetische Risikovariante: Für die Regulation von Stresshormonen im Körper sind bestimmte Gene verantwortlich. Eines nennt sich beispielsweise FKBP5. Forschungen zeigten, dass Menschen mit einer speziellen Variante dieses Gens nach einer traumatischen Erfahrung leichter psychisch erkranken als andere. Sie haben Schwierigkeiten, mit Stress umzugehen, da ihr Stresshormonsystem dauerhaft fehlreguliert ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle Menschen mit dieser Genvariante zwangsläufig psychisch erkranken. Dies ist nur dann wahrscheinlicher im Vergleich zu anderen, wenn in der Kindheit zusätzlich ein Trauma erlebt wird.

Take home message

Ein Mensch kommt nicht auf die Welt und ist entweder resilient oder nicht resilient. Stattdessen wird Resilienz im Laufe des Lebens erworben, wobei in diesem Prozess das soziale Umfeld eine zentrale Rolle spielt. Wird eine starke Beziehung zu mindestens einer Person aufgebaut, dann wird die Entwicklung von Resilienz begünstigt. Die Frage danach, ob Resilienz angeboren ist, kann demnach verneint werden.

Dennoch sind genetische bzw. biologische Faktoren nicht unbedeutend bezüglich des Erwerbs von Resilienz. Man kann zwar nicht von einem “Resilienz-Gen” sprechen, das eine Person in ihrem Erbgut entweder aufweist oder nicht aufweist. Jedoch stecken genetische Anlagen den individuellen Rahmen ab, innerhalb welchem sich Resilienz entwickeln kann. Wichtig sind in diesem Kontext die HPA-Achse und die genetische Risikovariante FKBP5.

Resilienz Coaching

Da wir heute wissen, dass Resilienz nicht angeboren sondern erlernbar ist, stellt sich heute weiter die Frage: Wie lässt sich Resilienz lernen und stärken?

Die Resilienz Forschung steckt noch in ihren Kinderschuhen. In den nächsten Jahren müssen erst noch viele weitere Unklarheiten aufgedeckt werden, bevor therapeutische Ansätze entwickelt werden können, die sich speziell mit der Überwindung von Trauma beschäftigen. Dennoch gibt es schon heute erste Coaching Ansätze, von Wissenschaftlern/innen entwickelt, die die individuelle Resilienz und die Resilienz von ganzen Arbeitsgruppen in Unternehmen zu stärken versuchen.

Forschende an der Universität Freiburg und Erlangen-Nürnberg beispielsweise haben ein Verbundprojekt ins Leben gerufen, welches sich ​​”Resilire – Altersübergreifendes Resilienz-Management” nennt. Erste Ergebnisse der Studie zeigen, dass die individuelle Resilienz gestärkt werden kann, indem persönliche Ressourcen wie Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit und positives Denken trainiert werden. Für Mitarbeitende in Unternehmen ist es weitergehend hilfreich, einen Ausgleich zur Arbeit zu schaffen mit festen Terminen für Sport, Musik, Verabredungen etc. Führungskräfte sollten außerdem darauf achten, eine offene Fehlerkultur zu etablieren, in welcher konstruktiv mit Kritik umgegangen wird. Wenn Sie an weiteren praktischen Tipps zur Stärkung Ihrer Resilienz interessiert sind, dann empfehlen wir Ihnen weitergehend diesen Artikel zu lesen.