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Wandel in der Automobilbranche und deren Bedeutung für Führungskräfte und HR-Managende

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Die bedeutendste Industriebranche Deutschlands, die Automobilbranche, steht vor einem radikalen Umbruch – und damit auch die aktuell 2,2 Millionen Beschäftigten des Industriezweiges. In den nächsten Jahren werden sie sich Herausforderungen stellen wie dem Trend zur Elektromobilität, der Einführung autonomer Fahrfunktionen, der Entstehung neuer Mobilitätsdienstleistungen und der zunehmenden Automatisierung von Fertigungsprozessen.

In diesem Artikel beschäftigen wir uns genauer mit den benannten Herausforderungen für die Automobilbranche und eruieren, welche Bedeutung diese für HR-Managende und Führungskräfte haben und haben werden. 

E-Mobility

Im aktuellen Koalitionsvertrag ist das Bestandsziel von 15 Millionen vollelektrischen Autos  auf Deutschlands Straßen bis zum Jahr 2030 festgeschrieben. Und die Automobilhersteller reagieren. Audi hat bspw. beschlossen, ab 2033 nur noch elektrische Autos zu produzieren. Die letzten Jahre des Verbrennungsmotor, so könnte man sagen, sind gezählt.

Der Umstieg vom Verbrennungsmotor auf E-Antriebe wird sich in vielerlei Hinsicht positiv auswirken. Besonders wichtig ist in diesem Kontext, dass die Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Kraftstoffen verringert wird und gleichzeitig klima- und gesundheitsschädliche Emissionen reduziert werden – eine Entwicklung, die nicht nur Deutschland, sondern die gesamte Welt dringend nötig hat.

Doch die Elektrifizierung der Antriebe wird auch einige Probleme mit sich bringen. Zu erwarten ist, dass mit dieser Entwicklung zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen werden. Das betrifft vor allem die Zulieferindustrie, die für den Verbrennungsmotor entwickelt und herstellt. Gelingt es diesen nicht, ihre Produktion auf E-Antriebe umzustellen, werden diese “auf der Strecke bleiben”.

Die Robert Bosch GmbH erwägt bspw. die Schließung ihres Produktionswerkes am Standort München. Dort werden Kraftstoffpumpen für Diesel- und Benzinmotoren hergestellt, die schon bald nicht mehr gebraucht werden. Laut Werksleiterin Jana Mische werde es nicht gelingen, die vorhandenen Maschinen auf neue Produkte für E-Antriebe umzustellen. Das liege daran, dass die bestehende Produktion zu spezialisiert auf Verbrennungsmotoren sei und der Markt schlichtweg zu aggressiv und schnell wächst. Die Schließung ist, mit anderen Worten, unumgänglich.

Natürlich werden dafür an anderen Stellen auch neue Arbeitsplätze entstehen. Dies gilt nicht nur in Bezug auf die Entwicklung und Produktion von E-Antrieben, sondern auch bzgl. der Forschung zum autonomen Fahren oder der Entwicklung neuer Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing etc. Nicht zu unterschätzen ist hier jedoch, dass die neu entstehenden Arbeitsplätze andere Ansprüche an Arbeitnehmende stellen als an die Arbeitsplätze in der Zulieferung und Produktion. 

Es wird eine regelrechte Verschiebung der Beschäftigungsstruktur in der Automobilindustrie stattfinden. Dies hat das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung genauer untersucht und kam zu dem folgenden Ergebnis: Während die Beschäftigung in der Produktion in den letzten Jahren kaum gestiegen ist und tendenziell eher abnimmt, wurden im Bereich Informatik und IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) im Zeitraum von 2015 bis 2019 ca. 35% mehr Menschen eingestellt. Ein Trend, der zukünftig noch stärker in der Automobilindustrie zu beobachten sein wird.

Auf der einen Seite entstehen also viele neue technologiebasierte Jobs und IT-Expert:innen werden immer gefragter. Auf der anderen Seite wird die Belegschaft in der Produktion nicht mehr gebraucht und Arbeitsplätze entsprechend abgebaut. Viele Konzerne wie Audi haben deshalb beschlossen, in die Umschulung und Qualifizierung der Mitarbeitenden zu investieren. So hat Audi hierfür bspw. eine halbe Milliarde Euro bereitgestellt, wie die Audi-Vorstandsmitglied Sabine Maaßen angibt. 

Laut Prof. Dr. Stefan Bratzer, Direktor des Centers of Automotive Management in Bergisch Gladbach, können durch diese Umschulungsmaßnahmen insgesamt mehr als 800.000 Beschäftigte der Autobauer ihre Anstellung behalten. Für Beschäftigte in der Zulieferindustrie, die für den Verbrennungsmotor herstellen, wird seiner Meinung nach eine Umschulung jedoch nicht möglich sein. Somit ist deren Jobverlust unabwendbar. 

Digitalisierung

Das Auto war bisher ein klassisches Hardware-Produkt, welches über mehrere Jahre hinweg entwickelt und ebenfalls für mehrere Jahre unverändert vertrieben wurde. Heute  wird das Auto mit der fortschreitenden Digitalisierung jedoch mehr und mehr zu einem Software-Produkt. Schon heute ist es Kund:innen möglich, auch noch nach der Auslieferung eines Autos weitere Dienstleistungen und Funktionen dazu zu kaufen und ihr Gerät auf den neuesten Entwicklungsstand zu aktualisieren. Dieser Trend wird sich zukünftig noch weiter verstärken.

Für die Automobilindustrie hat dies einige wirtschaftliche Vorteile. Denn anstelle einer einmaligen Einnahme durch den Verkauf eines Autos, wird nun ein stetiger Geldfluss durch die Aktualisierung, Verbesserung und kontinuierliche Pflege des verkauften Autos generiert. Und das über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg.

Zu beobachten ist weiterhin, dass Autos sich allmählich zu “devices on wheels” entwickeln, analog zu technischen Geräten wie dem Smartphone. Erfolgreiche Unternehmen wie Apple gelten hier als Vorreiter. Sie haben die Bandbreite an Services einer etablierten Technologie – dem Handy – stark ausgeweitet. Heute kann man mit dem Smartphone bspw. Musik streamen und komfortabel bezahlen. Und auch für Autos sind Infotainment und In-Car-Payment zum Teil schon etabliert. Sie werden immer mehr zu “Connected cars”, die permanent online und mit anderen Geräten kopplungsfähig sind. Ob Hersteller zukünftig in allen Bereichen den Konzepten großer Digitalkonzerne wie Apple folgen können und wollen, bleibt eine spannende Frage.

Klar ist jedoch, dass Fahrzeuge zukünftig immer stärker mit IT “durchdrungen” werden und deren Umfang an Software stetig wachsen wird. Der Bedarf an IT-Fachkräften in der Automobilindustrie, der aufgrund der Entwicklung und Produktion von E-Antrieben aktuell schon sehr groß ist, wird zukünftig noch stärker wachsen. Fahrzeughersteller entwickeln sich, so könnte man sagen, mehr und mehr zu IT-Unternehmen. 

Verkauf von Mobilität statt Autos

Aktuelle Entwicklungen wie das wachsende Umweltbewusstsein der Bevölkerung, politischen Bestrebungen zur Klimawende, das Aufkommen von innovativen Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing usw. verändern das Verhältnis der Verbraucher:innen zum Autobesitz.

Schon heute zeigt sich, dass „vor allem junge Menschen in Städten (…) nur noch eine geringe Affinität zum Auto“ haben und “aufgeschlossen für neue Mobilitätsformen und Anbieter [sind. Sie](…) wollen nicht mehr zwingend ein eigenes Fahrzeug besitzen.“ – eine Einschätzung von Prof. Dr. Stefan Bratzer, der Direktor des Centers of Automotive Management in Bergisch Gladbach.

Während heute dennoch viele ein eigenes Auto haben, wird sich deren Anzahl auf den deutschen Straßen zukünftig durch neue Formen der Mobilität stark reduzieren. Die Rede ist von Angeboten wie Carsharing, Ridesharing oder auch Robotaxis. Autos werden sich zu On-Demand-Verkehrsmitteln entwickeln, zwischen denen Verbraucher:innen nahtlos wechseln können. Private Autos, die zu einem Großteil ihrer Lebenszeit nur auf dem Parkplatz oder in der Garage stehen, werden so überflüssig.

Kunden und Kundinnen kaufen dann anstelle eines Autos also Mobilitätsdienstleistungen. Damit werden sich die Automobilhersteller zukünftig in einer Position wiederfinden, die man mit der der Flugzeughersteller Airbus und Boeing vergleichen kann. Diese verkaufen ihr Flugzeuge an Fluggesellschaften, analog dazu werden Automobilhersteller ihre Fahrzeuge künftig an Mobilitätsdienstleister verkaufen und nicht mehr an die Endkund:innen.

Für die klassischen Automobilhersteller bedeutet dies einen radikalen Wandel ihrer Geschäftsmodelle, welche bis dato darauf ausgelegt sind, dass jede:r ein eigenes, individuelles Auto bestellen und kaufen kann. Die Verbraucher:innen von morgen werden nicht mehr Acht auf die Leistungsmerkmale eines Autos oder auf das Image des Herstellers geben. Stattdessen wird die Attraktivität der Mobilitätsplattform einer Marke wichtig werden. Unternehmen der Automobilbranche sollten diesbezüglich schon heute in deren Entwicklung investieren.

Autonomes Fahren

Auch wenn es heute noch nicht marktreif ist, das autonome Fahren wird zentraler Bestandteil zukünftiger Mobilität werden. Deutschland soll, laut der Bundesregierung, zu einem der führenden Länder der Welt werden, welches das autonome Fahren entwickelt, erprobt und schließlich auf die Straße bringt. Und laut Alexander Burst, Vice President für den Bereich Automated Driving bei der Robert Bosch GmbH, nimmt “von den drei Haupttrends in der Automobilindustrie – Electrified, Connected und Automated – (…) besonders der Automated-Bereich gerade Fahrt auf”.

Zu beobachten ist, dass Autohersteller in jüngster Vergangenheit große Kooperationen mit IT-Firmen wie Microsoft auf den Weg gebracht haben, um die Entwicklung des autonomes Fahrens schneller voran zu treiben. Eine solche Zusammenarbeit ist nötig, da das autonome Fahren eine enorme Rechenleistung und einen riesigen Datenspeicher erfordert, welche die klassischen Autohersteller oder -zulieferer nicht selbst bereitstellen können. Die Rechenzentren von IT-Firmen wie Microsoft ermöglichen es den Autoherstellern schnell zuverlässige Ergebnisse zu erhalten und erhöhen somit die Entwicklungsgeschwindigkeit der autonomen Fahrzeuge beträchtlich. 

Bedeutung des Wandels für HR-Managende und Führungskräfte

Schwierig wird im bevorstehenden Wandel der Automobilbranche nicht die Beherrschung oder Verfügbarkeit von neuen, digitaler Technologien sein. Vielmehr wird es sich als schwierig gestalten, alle Mitarbeitenden der Branche dazu zu motivieren, die Transformation aktiv mitzugestalten. Denn noch läuft das bisherige Geschäftsmodell der Automobilunternehmen erfolgreich und die Bereitschaft der Mitarbeitenden zur Transformation ist entsprechend gering. Die Aufgabe von Führungskräften muss es daher sein, die Notwendigkeit der Veränderung in der Automobilbranche überzeugend zu kommunizieren und die Mitarbeitenden für den Prozess zu gewinnen – eine alles andere als leichte Aufgabe.

Weiterer Handlungsbedarf zeigt sich für Führungskräfte im Hinblick auf die Unternehmensstruktur vieler Automobilhersteller und -zulieferer, die immer noch stark hierarchisch und durch traditionelle Wertesysteme geprägt ist. Denn wenn Führungskräfte eine enthusiastische “Aufbruchstimmung” bewirken und Mitarbeitende zu Schnelligkeit, Agilität, Innovationsfreudigkeit und Risikobereitschaft anregen wollen, dann müssen stark hierarchische Strukturen gelockert werden. 

Eine weitere Herausforderung wird für die Führungskräfte, als auch für die HR-Managenden in der Automobilbranche die Sicherung des Fachkräftebedarfs sein. Hier sehen sie sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass aktuell sehr viele IT-Fachkräfte gebraucht werden, während gleichzeitig ein großer IT-Fachkräftemangel herrscht. Und das nicht nur in der Automobilbranche. Die Problematik spiegelt die aktuelle Studie “Automotive im Wandel” von Pierre Audoin Consultants und Hays wider: Ca. 50% aller Führungskräfte in der Automobilbranche schätzen das Recruiting von Fachkräften als sehr schwierig bis eher schwierig ein. Damit dies zukünftig dennoch gelingt, müssen Unternehmen der Automobilbranche attraktiver als Arbeitgebende wirken.

Genauso schwierig ist es für die Führungskräfte, die bereits bestehenden Mitarbeitenden intern zu entwickeln und aufzubauen für neue Tätigkeiten. Dies verwundert nicht, schließlich ist ein Großteil heutiger Mitarbeitender der Automobilhersteller und -zulieferer jahrelang starren und rigiden Hierarchien untergeordnet gewesen, in welchen ihnen die immer gleichen Aufgaben zukamen. 

Damit Mitarbeitende dennoch auf neue Aufgabenbereiche vorbereitet werden, die mit dem beschriebenen Wandel anfallen, delegiert ein Großteil der Führungskräfte (ca. 80%) ihre Mitarbeitende bereits zu Trainings, Fachkonferenzen oder Workshops, die zumeist externen Beratenden und Coaches durchgeführt werden. Solche Weiterbildungs- und Ausbildungsangebote werden auch in Zukunft von großer Bedeutung sein. Schließlich wird Wandel und Veränderung auch und insbesondere in der Automobilbranche nicht die Ausnahme, sondern die Regeln sein.